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Als ich 7 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben gehört, wie Fensterscheiben wegen Explosionen zittern. Damals haben meine Eltern mich und meinen Bruder vom Krieg im Transnistrien gerettet, indem wir in die Ukraine gezogen sind.


Transnistrien-Konflikt

Und nun, mehr als 20 Jahre später, rette ich meinen Sohn, indem ich aus der Ukraine nach Deutschland fliehe. Wir haben so viel auf dem Weg gelernt, und am meisten darüber, was Menschlichkeit bedeutet.


Am Bahnhof in Kiew sah ich, wie Menschen sich voneinander verabschiedeten. Manche für immer.

Ich werde nie die Tränen und den Schmerz von meiner Mutter vergessen, die uns in das neue, unbekannte Leben verabschiedete. Ich vergesse auch nie, wie tapfer mein Vater war. Dank ihm schafften wir es, durch Menschenmassen in den Zug zu steigen. Dort umhüllten uns die Emotionen von anderen Fliehenden: Angst, Sorge, Terror, Traurigkeit, Verzweiflung… Als wir uns dann, 2 km von Polen entfernt, an der Grenze wiederfanden, hatten wir keine Ahnung, was wir in den nächsten 13 Stunden aushalten müssen würden.


Draußen war es bitterlich kalt, es gab nichts zu essen, Kinder weinten, Mütter wurden vor Müdigkeit ohnmächtig. Wir befanden uns in einer Gruppe von 300 Menschen. Vor und hinter uns stehen ähnliche Reihen: verzweifelt, aber lebenshungrig. Auf den Befehl "Weiter!" bewegten wir uns. Es war nicht erlaubt, Taschen und Rucksäcke abzusetzen. Es war nicht erlaubt, die Aufstellung zu verlassen. Fremde Menschen sind zu Verwandten geworden, die zueinander hielten, um warm zu bleiben.

Ich und mein Sohn versuchten, unsere Menschlichkeit zu behalten, trotz der Müdigkeit und den physischen Schmerzen: wir halfen den Kindern und Müttern, nahmen ihr Gepäck und manchmal die erschrockenen Kleinkinder.

Situation von den Geflüchteten im Frühling 2022

Wir schafften es über die Grenze. Wir konnten uns aufwärmen, wurden gepflegt, versorgt und weitergeschickt. Ich bin erst bei meinen Freunden in Deutschland untergekommen. Ich kann mich daran erinnern, wie ich in ihrem Badezimmer stand und die großen Wunden auf meinem Rücken anschaute, die mehrere Rucksäcke hinterlassen hatten. Ich schaute meine blau gewordenen Finger an.

Doch die Tränen kamen erst ein paar Tage später, als ich realisierte, dass all diese Verletzungen ein Beweis für meine Erfahrung und meine Liebe zum Leben sind. Ich weiß jetzt, ich kann alles schaffen. Und mein Sohn kann alles schaffen.

Eingesprochen von: Inga Baiier

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