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Unser Leben hat sich seit dem 24.02.2022 für immer verändert.

Jeden Tag standen wir um 4 Uhr morgens auf, früher als je zuvor und jeden Tag schien das Leben innezuhalten. Am 22. März 2022 beschloss ich, dass es Zeit war zu gehen.



Die Angst gab uns keine Ruhe mehr, und die tägliche Nahrungssuche raubte uns jegliche Kraft. Aber wohin sollten wir fliehen? In das Unbekannte? Es war wie das Gefühl, als würden wir am Brunnen stehen und hineinspringen müssen, aber unten ist nur Dunkelheit…

Situation in Ukraine zum Kriegsanfang

Wir sind nach Ungarn gefahren, wo ein Freund von uns eine Wohnung temporär frei hatte. Es war eine lange und schwierige Reise. Im Zug aus der Ukraine reisten wir in einem dunklen Wagen. Der Schaffner hatte das Licht aus Sicherheitsgründen ausgeschaltet. Es war beängstigend, über dem ganzen Land flogen die Raketen. Es gab nur eine Frage in meinem Kopf: "Kommen wir zum Ziel oder nicht?”


In Ungarn haben wir in einem Zimmer in der Nähe des Bahnhofs gewohnt. Doch wir tappten immer noch im Dunkeln und hatten keine Ahnung, wo wir waren, was wir tun sollten und wohin wir gehen würden, der Stress ließ uns nicht los… Uns war klar, dass es noch lange dauern würde, bis wir nach Hause zurückkehren dürfen, und dass uns nur Ungewissheit bevorstand. Alles war neu, die unbekannte Stadt, die Sprache, fremde Menschen. Unsere drei Koffer voller Sachen waren alles, was wir von unserer Vergangenheit mitbringen konnten.


Ich war auf der Suche nach Bekleidung für mein kleines Baby und habe in einer Facebook-Gruppe nach Winterkleidung gefragt. Ein Mädchen aus Budapest, Dora, antwortete auf meine Anfrage. Sie bot mir an, sich mit mir zu treffen und mir die Sachen ihres Sohnes zu geben, wenn die Sachen passen würden. In diesem Moment passte alles. Ich traf sie auf dem Spielplatz, und sie übergab mir die Sachen und gab mir auch Geld, damit ich mir etwas Notwendiges kaufen konnte. Dora war ein sehr freundliches, gutherziges Mädchen mit einem kleinen Sohn und einer Mutter, die zu dieser Zeit krank und zu Untersuchungen im Krankenhaus war. Ich weiß genau, dass sie Geld brauchte, aber sie und ihr Mann gaben uns eine Summe, die ich nicht annehmen konnte. Aber mir wurde klar, dass es mein einziger Ausweg war, diese Hilfe anzunehmen. Ich bin sehr dankbar, dass Dora uns geholfen hat und wir Lebensmittel für eine Woche Aufenthalt in Budapest kaufen konnten.


Situation von Geflüchteten aus Ukraine zum Kriegsanfang

Aber das Überraschendste ist, dass sie nicht aus unserem Leben verschwunden ist. Eine Woche später erzählte ich Dora, dass wir nach Deutschland fahren würden. Und Dora sagte mir, ich solle sie an der Bushaltestelle treffen. Wir vereinbarten einen Termin und ich kam. Dora erzählte mir, wie es ihrer Mutter geht und was sie arbeitet. Sie hat mir einen "Zauberkasten" für meine Reise gegeben. Bevor ich wusste, was drin war, hatte sich Dora schon auf den Weg zur Arbeit gemacht (es war ihre Mittagspause).


Ich kam nach Hause und öffnete die Schachtel. Darin befanden sich 50 Euro für die Fahrt und eine Halskette. "Ein kleines Andenken an Dora", dachte ich. Aber ich sah mir den Schmuck genau an, und es war eine Goldkette. Oh Schreck, mir schwirrten die Gedanken im Kopf herum: Ich hätte auf keinen Fall ein so teures Geschenk annehmen können. Ich wollte es zurückgeben, aber Dora schickte mir eine SMS:

"In deinem Land herrscht Krieg, und wenn es dir helfen kann zu überleben, verkaufe es und rette dein Leben und das Leben deiner Kinder.”

Ich habe den ganzen Tag lang geweint. Für mich war diese Tat Doras heldenhaft. Das Wichtigste ist, dass ich ihr völlig fremd bin und sie sich (trotz der Schwierigkeiten in ihrer Familie und mit der Gesundheit ihrer Mutter) um uns alle gekümmert und uns die Möglichkeit zum Überleben gegeben hat. Am nächsten Morgen fuhren die Kinder und ich mit dem Zug nach München.


Ihr Talisman ist immer noch bei mir. Und ich fühle mich geehrt, mit diesem Anhänger ihre Geste des guten Willens zu zeigen. Ich weiß, dass wir Dora treffen werden, und ich werde ihr diesen Talisman zurückgeben, wenn sie ihn genauso sehr braucht, wie ich es in diesem Moment tat.


Eingesprochen von: Inga Baiier

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